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Moral per Handschlag

29.12.2011 Archiv Klosterser Zeitung

Moral per Handschlag

Auf Neujahr macht man sich so Gedanken über dies und das.

Da kommen einem die in letzter Zeit sich häufenden Probleme von Politikern, Wirtschaftsführern und andern in der Öffentlichkeit stehenden Personen mit der Moral in den Sinn. Einmal galt: Ein Mann, ein Wort. Da konnte man noch Geschäfte per Handschlag abschliessen. Sind diese Zeiten vorbei?

 


Johannes Haltiner

 


Eigentlich zweifle ich, dass es früher moralischer zu und her gegangen ist, aber man viel eher bereit, dem andern Vertrauen zu schenken. Und nicht nur das. Man war auch bereit, einen Verlust zu tragen, wenn man sich im Gegenüber getäuscht hatte. Ungern zwar, aber man gab sich selber die Schuld, wenn man sich täuschen liess. In dieser Beziehung hat sich meiner Meinung nach vieles geändert. Zum einen traut keiner mehr dem andern über den Weg. Kleinste Dinge müssen mit einem schriftlichen Vertrag geregelt werden, wobei nicht selten viel Kleingedrucktes dabei steht, von dessen Tragweite man erst erfährt, wenn es zu spät ist.


Kein Wunder also, wenn alles und jedes per Gesetz geregelt werden muss, bis hin zum Kinderhütedienst der Grosseltern.
Wenn man an die Gesetzesflut bedenkt, die jedes Jahr produziert wird, muss man mit Schiller sagen: Es wird eng im weiten Land!
Das Wort Vertrauen hat massiv an Wert verloren. Wem soll man schon trauen, wenn man täglich von Fahrerflucht im Strassenverkehr lesen muss, wenn Skifahrer andere über den Haufen fahren und es nicht für nötig finden, anzuhalten und dem Betroffenen wieder auf die Beine zu helfen. Jammern nützt nicht, Gesetze müssen her! Aber Hand aufs Herz, kann man Vertrauen per Gesetz erwirken. Wohl kaum!


Vertrauen ist eben etwas, das man nicht kaufen kann. Es gehört zu jenen Werten, moralischen Werten, von deren Zerfall schon ganze Bücher geschrieben wurden. Es beginn mit Vertrauen zu sich selbst. Wer sich selber nicht traut, traut auch keinem andern. Das aber ist eine alte Weisheit, die mit der viel beklagten heutigen Zeit wenig bis nichts zu tun hat. Es hat zu allen Zeiten eine starke Ausbildung der Persönlichkeit gebraucht, um allen Anforderungen des Lebens begegnen zu können. Wahrscheinlich war es aber einfach, sich in einer überschaubaren Welt zurechtzufinden, als in einer von den Massenmedien überfluteten, globalisierten. Problematisch wird das ganze, weil bevorzugterweise nur die schlechten Nachrichten Eingang in die Medien finden, mit denen wir dann vom Morgen bis am Abend berieselt werden. Da braucht es einen starken Charakter, um nicht daran zu verzweifeln, und da bleibt dann eben kaum noch Platz für Vertrauen zum Nächsten.


Es ist beliebt zu sagen, es gibt viel zu tun, packen wir’s an. Das wäre doch eine Baustelle, die anzupacken sich lohnen würden, Vertrauen an sich und an andere zu schaffen.

 

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