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Niklaus Schubert*
Die Natur erwacht aus der Winterstarre, die Kultur umrankt das Geschehen mit Bräuchen, und die Kirche hat das Fest von Christi Auferstehung in den Frühling gelegt. Auch wer nicht glauben kann, dass hier ein Toter wieder lebendig sein soll: Die Botschaft des am Kreuz wie ein Verbrecher Getöteten läuft weiter. Ist nun die im Frühling erwachende Winterstarre der Natur ein Bild für die Auferstehung des Toten? Oder ist es umgekehrt?
Der Götze Mammon versucht heute mit aller Kraft und mit Hilfe seines treuen Dieners Konsumius das menschliche Bedürfnis nach Leben, Hoffnung und Liebe zu begraben unter einem Berg von Schokoladehasen, maschinell gefärbten Eiern und Küken, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen.
Gegen diesen Berg von Konsumgütern kann, wer sich für das Leben einsetzen will, nur das Wort setzen. Ich tat das in einem Gedicht, und, weil ich Theologe bin, rede ich von Ostern:
Ostern:
Ostern ist nicht hoppelnde Hasen, Eier verstecken in Wohnung und Rasen,
Farbiger Zierrat auf süssem Gebäck, Zuckerperlen zu selbigem Zweck,
Hammelkeulen, saftige Braten, kirrende Gläser: Bezahlung auf Raten.
Nein. Ostern ist nicht ein Mehrwertbeschaffer,
mit optischen Reizen für fungeile Gaffer.
Ostern ist Leben, auferstanden vom Tod, Leben trotz allem, trotz würgender Not.
Ostern ist Leben, Lieben und Herzen,
Ostern ist Hoffnung inmitten von Schmerzen.
Ostern richtet auf, wer am Boden liegt.
Ostern gibt Atem der, die keine Luft mehr kriegt.
Ostern überwindet den drohenden Tod.
Ostern gibt allen das nötige Brot.
Heute kann ich nicht mehr Fussball spielen, Gummitwist machte ich nie. (Für einen ernstzunehmenden Knaben war solcher «Weiberkram» sowieso unter seiner Würde.) Meine chronische Krankheit (MS) ist immer gegenwärtig. Im Bett zu liegen ist mir näher als Sport zu treiben. «Frühlings Erwachen» führt mich nicht zu körperlicher Aktivität, für mich symbolisiert Ostern das, was für andere den Gang in die blühende Natur bedeutet.
In meinem Gedicht formulierte ich es so: Ostern richtet auf, wer am Boden liegt – oder, wie bei mir, im oder auf dem Bett.
Wie ich zu Beginn schrieb: Der Frühling bringt alles in Bewegung; die Kinder spielen, die Älteren lieben sich, die Halbwüchsigen öffentlich, die Erwachsenen diskreter. Ich liege im Bett oder sitze im Stuhl, lese oder sinne. Der Frühling bringt auch mich in Bewegung, zwar nicht mehr so sichtbar wie Kinder und Jugendliche, aber in meinem Innern beginnt etwas aufzubrechen, etwas Gefrorenes zu spriessen. Die Krankheit fördert die Neigung, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen und die anderen und das andere zu vergessen. Der deutsche Reformator Martin Luther bezeichnete das als die grösste Sünde, also die Tat, in der sich der Mensch dem Ruf des Lebens am stärksten verschliesst: Der homo incurvatus in se ipse, der in sich selbst verkrümmte Mensch. In den Bildern der Jahreszeiten würde ich ihn als «gefrorenen» Menschen bezeichnen, der im Frühling wieder zu tauen und seine Glieder zu strecken beginnt. In der christlichen Religion reden wir von Ostern, von der Überwindung des Todes. Der Pfarrer und Dichter Kurt Marti drückte es so aus: «Wir stehen zur Auferstehung auf.» So wünsche ich mir und allen, dass bei uns immer wieder Frühling einkehrt.
*Niklaus Schubert ist Theologe und wohnt in Davos Dorf. Für die DZ verfasste er seine Gedanken zu Ostern.
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